England 2011

Meine ganz persönliche Wima - Bericht von Elke Geier

Da der Monat Juli normalerweise der Erntemonat ist, war für mich klar, dass an eine Teilnahme an der diesjährigen WIMA nicht zu denken ist. Trotzdem habe ich mir zu Beginn des Jahres Kartenmaterial von Großbritannien besorgt, irgendwie wollte ich dabei sein! Mit meinem neuen beruflichen Aufgabenfeld als landwirtschaftliche Unternehmerin ist eine Teilnahme an Motorradtreffen nun mit einem Fragezeichen versehen. Das Wetter bestimmt meine Arbeitstage und es fragt nicht danach, ob nun Wochenende ist und ich zum Norddeutschen- , Süddeutschen-Frauenmotorradtreffen oder anderen Events fahren möchte oder eine ganze Woche und mehr eben mal zur WIMA.

Die Anmeldung für die WIMA war vorbei, der April geht vorüber und mit ihm der Mai. 10 Wochen Trockenheit liegen hinter mir, als ich Ende Mai zum NFM fahre. Der Frust sitzt tief, dass ich mich nicht zur WIMA angemeldet habe, denn für mich war klar, die Ernte ist bis Ende Juli gelaufen. Ihr habt das ja in meinen Gesprächen mit euch vernommen. Ich nutze die Möglichkeit mich auf die Warteliste setzen zu lassen, denn bekanntlich bewegt sich mit näher rücken der WIMA immer noch etwas. Ich muss gestehen, ich habe zu diesem Zeitpunkt nicht daran geglaubt noch einen Platz zu bekommen, nur du Jenny warst davon überzeugt, dass wir uns bei der WIMA sehen werden. Danke fürs Daumen drücken!

Ende Juni war die Teilnahme an der WIMA durch einen Platz gesichert – ich war glücklich - doch meine Teilnahme wurde wieder fraglich, denn der Himmel hatte beschlossen es doch regnen zu lassen – die Teilnehmerinnen des Süddeutschen können davon ein Lied singen. Der allerdings kam zu spät, um noch qualitative und quantitative Erträge zu erwirtschaften, sorgte aber dafür, dass die Abreife des Getreides verzögert wurde. Durch den immer wieder kehrenden Regen hatte ich gerade mal meine Wintergerste gedroschen, als ich meine Reise zur WIMA am Samstag den 23. Juli mit schlechtem Gewissen antrat.

Fragen begleiteten mich anfangs auf meiner Fahrt nach Calais: Was, wenn das Wetter, während du in England bist, schön wird in Deutschland und du die Ernte einfahren könntest, schließlich hängt deine Existenz davon ab. Ich tröstete mich damit, dass es, nach all dem Regen mindestens 4 - 5 Tage Sonnenschein geben müsste, um das Getreide trocken ernten zu können und bis dahin bin ich ja wieder zurück! Die Wetteraussichten sahen nicht danach aus. Irgendwann habe ich aufgehört darüber nachzudenken, denn mir war kalt.

Die Fahrt nach Calais war nicht sonderlich erwärmend. Belgien hatte ich mir anders vorgestellt, vielleicht lag es aber auch am Wetter, dass es mein Herz nicht erwärmen konnte. Der Himmel war während der ganzen Fahrt wolkenverhangen und in Belgien intensivierte sich dies.

Sonnenschein kam in mein Herz als ich mich auf der A 18 befand, die in Frankreich in die A 16 über geht. Die Küstenregion ist von Landwirtschaft geprägt und ich nehme dies mit allen Sinnen wahr! Bei meinem letzten Stopp vor Calais treffe ich Peter und John, zwei englische Biker, die von einem BSA (englische Motorradmarke) Treffen an der Loreley kommen. Neben Fachgesimpel über Motorräder sprachen wir auch über Atomkraft und erneuerbare Energien. In Calais wartete schon Sybille am B&B auf meine Ankunft und die der Schwabenfraktion. Wir gingen noch auf ein Bierchen ins Restaurant gegenüber, bevor ich kaputt vom 750 km Ritt in die Koje fiel. Das Frühstück am Sonntag morgen war für alle Beteiligten nicht besonders prickelnd. Der Abschied von Frankreich fiel nicht schwer und die Freude auf England stieg.

Am Fährhafen wartete schon Yumiko auf uns, die sich, genau wie ich, freute, in der Gruppe nach Lancaster fahren zu können. Wir hatten viel Spaß auf der Fähre und Yumiko genoss sichtlich die japanischen Sprachkenntnisse von Sybille. Im Vorfeld hatte ich allerdings Schwierigkeiten mein Motorrad zu fixieren. Das französische System war gewöhnungsbedürftig und ich war froh meine eigenen Zurrgurte dabei zu haben.

Ankunft Dover – ab nun hieß es „keep left!“ Ich habe noch die Worte von Peter und John in den Ohren, die mir nahe legten, folge einfach dem Auto vor dir und das taten wir, denn Emma's Familie die mit von der Partie war, fuhr mit dem Auto vorne weg. They did really a good job! Es war so angenehm im Pulk zu fahren, sich nicht darauf konzentrieren zu müssen, wo's lang geht, einfach die Gruppendynamik genießen. Bei unserem 1. Stopp treffen wir auf Annette und ihre Crew. Die Freude auf beiden Seiten war groß, gleich zu Beginn schon auf Wima-Teilnehmerinnen zu stoßen.

Auf der Ringautobahn um London nahm der Verkehr merklich zu und ich war froh, dass auch im weiteren Streckenverlauf die Autobahn dreispurig blieb, was das Vorankommen angenehmer machte. Den landschaftlichen Charme Englands verspürte man auch auf dem Motorway, worüber wir froh waren, denn wir hatten aus zeitlichen Gründen keine großartigen Alternativen unseren Weg über Land zu machen. Außerdem „frisst“ das Fahren in der Gruppen viel Zeit – Stichwort: Tank- Kaffee- und Raucherpausen! Eine weitere Übernachtung wurde in Birmingham getätigt in einem Backpackerhostel in Towndown. Meine Befürchtungen bestätigten sich, keine Garage oder bewachter Parkplatz für die Motorräder. Der Gedanke Nachtwache zu halten, wurde nach dem Besuch von „Lord Cliford“ einen typischen englischen Pub, beiseite geschoben und wir bevorzugten lieber das 12- Bettzimmer anstatt der Straße.

Als ich am nächsten Morgen nach den Motorrädern schaute, war bis auf den Inhalt von Sybilles einer Satteltasche alles am rechten Platz. Ich trauerte dieser Arbeiter- und Immigrantenstadt mit den vielen roten Backsteinhäusern, beim Verlassen nicht nach.

Montag, 25. Juli Beginn der WIMA. Wir hatten alle nur noch eines im Sinn: So schnell wie möglich in Lancaster anzukommen! Irgendwie schienen die letzten 200 km unendlich und kurz vorm Ziel nahmen wir noch eine Dortmunderin in unserer Mitte auf, die bisher alleine ihren Weg bestritt. Es ist für mich immer ein bewegender Moment das WIMA Veranstaltungsgelände zu betreten. Der Campus der Universität von Cumbria war zu Beginn etwas verwirrend, doch die vielen freiwilligen Helferinnen wiesen den Weg!

Nach dem Einchecken orderte ich vom Orgateam erst einmal Nadel und Faden, da sich der Reißverschluss meiner Motorradhose gelöst hatte. Nach erfolgreicher Näharbeit kam der „walk of fame“- mal schauen wer schon da ist! Die Augen meiner Freunde wurden groß als sie mich erspähten, da sie mich zu Hause auf meinem Ländereien wähnten. Wie immer gab es am ersten Abend ein „Welcomedinner“, welches für mich very Britisch war und sich sehr in die Länge zog, so dass die Tina Turner Tribute Sängerin erst mit Verspätung auftreten konnte und der Großteil der Frauen, ermüdet von den Strapazen der Anfahrt, sich frühzeitig zurück zog. Zumindest war dies mein Eindruck!

Das Motto der diesjährigen WIMA hieß: Back to School! Im echten englischen Internatsstil wurden wir einem Haus zugeteilt (der Zauberhut aus „Harry Potter“ blieb uns erspart), das den Namen einer Motorradmarke trug.

Ich beschloss die Zeit hier mit Motorrad fahren zu verbringen, denn mein Aufenthalt in England war aus betrieblichen Gründen auf die WIMA-Woche begrenzt, so dass der Spieltag am Mittwoch für mich nicht in Frage kam. Das mit dem „Linksfahren“ funktioniert besser als erwartet, nur mit der Orientierung hapert es am Anfang ein wenig und dass es hier sich um Meilen handelt und nicht Kilometer bekomme ich gleich am Dienstag bei der „Dale-Tour“ zu spüren. Ich fahre die vorgesehene Route bis Aysgarth. Durchfahre dabei „The Forest of Bowland“, passiere die Eisenbahnsteinbrücke mit ihren 24 Bögen, stoppe nicht im Touristen überlaufenen Hawes, wie dies andere Wima-Teilnehmerinnen taten, um mir dieses traditionelle Nordyorkshire-Städtchen anzuschauen, sondern halte lieber bei den Aysgarth Falls und lausche dem Rauschen des Wasser, das über stufenartigen Kalksteinsegmenten sich seinen Weg bahnt!

Während der Fahrt durch Yorkshire Dale muss ich immer wieder an die englische TV-Serie „Der Doktor und das liebe Vieh“ denken. Bei meinem Recherchen stelle ich fest, dass ich richtig liege. Der TV-Arzt James Herriot hatte hier seinen Wirkungskreis. Ich dehnte die vorgeschlagene Route etwas aus und fuhr weiter bis Richmond, dort auf die verkehrsreiche A 66, von der man einen grandiosen Blick über die Dales hat. Bei Brough bog ich dann in südlicher Richtung nach Lancaster ab. Ich mache wie vorgeschlagen bei Kirkby Lonsdale an der „Frittenbude“ Halt, um mich zu stärken und wie es der Zufall will, traf ich anschließend Inge und Renate und fuhr mit ihnen über die Autobahn zum Veranstaltungsgelände zurück. Schließlich wollten wir pünktlich zum Vortrag von Pat & Sheonagh erscheinen, die über ihre 15monatige Weltreise berichteten.

Mittwochmorgen, ich tätige einen Telefonanruf in die Heimat und werde aufgefordert, doch schleunigst nach Hause zu kommen, denn die Sonne scheint. Die Mähdrescher laufen, nur auf meinen Feldern nicht. Mein Gewissen pocht, schließlich hängt meine Existenz davon ab und ein zweites „Pleitejahr“ wegen der Witterung ist schwer zu verkraften. Ich buche am Abend den Autozug für den nächsten Tag, um am Donnertagmorgen mitgeteilt zu bekommen, dass es geregnet hat und ich mir mit der Heimreise Zeit lassen kann. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass auf Grund der nassen Witterung ich am 18. August mein letztes Getreide geerntet habe und es nur noch für die Biogasanlage tauglich war. Fazit: Keine Ernte ist es wert einer WIMA fern zu bleiben!

Auch der Mittwoch steht trotz aller Widrigkeiten ganz im Zeichen das Motorradfahrens. Ich entscheide mich für die Lowther Tour mit der wunderschönen Fahrt über den Honister Pass und Stopp am Castlerigg Stone Circle (Wikipedia: Steinkreis von Castlerigg) Ich genieße es tagsüber alleine unterwegs zu sein, genauso wie die Abende mit Euch! Bei denen unweigerlich mein beruflicher Alltag das beherrschende Gesprächsthema ist, was ich sehr bedauere.

Als ich die Finnin Satu kennen lerne, die auch Landwirtin ist, stelle ich fest, dass es mir nicht alleine so geht! Auch bei ihren Gesprächen dreht sich alles um die Landwirtschaft, ich finde noch extremer als bei mir. Sie geriet ja förmlich in Ekstase als bei der Repräsentation der nächsten WIMA ein Strohrundballen auftaucht. Ich spüre jetzt noch ihren Schulterschlag.
Obwohl es in Deutschland geregnet hat, wollte ich am Donnerstag abreisen, mich reute das Geld, welches ich für den Autozug ausgegeben hatte. Simone und Renate konnten mich davon überzeugen zu bleiben. Dafür bin ich euch auf ewig dankbar und auch für euren finanziellen Anteil am Autozug.

Um Verena zu zitieren: Das ist WIMA – Solidarität der Frauen! Während Simone sich den Wrynose Pass mit seinen 30 % gab, welchen ich mir für den nächsten Tag aufhob, besuchte ich mit Renate Lancaster Castle, welches noch bis vor einem viertel Jahr ein aktives Gefängnis war. Der Songcontest an diesem Abend sorgte zu Beginn für etwas Verwirrung, weil die Message herum ging, alle deutschen Wima-Teilnehmerinnen gehen gemeinsam auf die Bühne, was sich dann als „fake“ erwies. Nicht desto trotz war es ein stimmungsvoller Abend mit viel Liedgut und bei mir einem Glaserl Wein zuviel!

Elsbeth aus der Schweiz die zu Beginn der Wima von einem Autofahrer vom Bike geholt wurde, sang mit gebrochenem Brustbein für ihr Land - RESPEKT! Satu, die finnische Landwirtin, tauschte ihre Arbeitskleider gegen das kleine Schwarze, um uns mit ihrer gewaltigen Opernstimme zu erfreuen. Eine Landsmännin von ihr konnte dem ganzen Spektakel nicht beiwohnen, weil sie auf dem Weg zur WIMA einen Unfall hatte und das Krankenbett hüten musste.

An dieser Stelle allen Geschändeten „Gute Besserung“!
Wie immer heißt es am Samstag Abschied nehmen von der internationalen Familie, die sich um die Länder Indien, Ungarn, Südkorea und Curaçao vergrößert hat! Ihr vermisst was! Ich auch! Ja, es gab keine Parade. Es war nicht zumutbar Lancaster in ein Verkehrschaos zu stürzen wie wir es mit Lignano gemacht haben. Auf dem Rückweg übernachteten wir wieder in Calais. Bei unserer Ankunft gegen 22.30 Uhr schloss gerade das Restaurant gegenüber unserer Unterkunft, wo wir noch auf einen „Absacker“ einkehren wollten. Im Burger King ein paar Schritte weiter, bekam man nur ein Bier, wenn man auch was zu Essen bestellte. Doch wir hatten keinen Hunger, wir wollten einfach nur ein Bier und das bekamen wir dann auch im Nachtclub nebenan, der gerade seine Türen öffnete. Ich kann euch sagen, das war ein Bild! Wir in Motorradkluft, in der Hand eine Flasche Desperados und um uns herum......aber das überlasse ich eurer Fantasie!

Wieder zu Hause angekommen hat mich der Alltag sofort im Griff und ich bedauere, dass ich nicht die Gelegenheit hatte, wie viele von euch im Vorfeld oder danach noch durch Schottland und Wales zu touren. Vielleicht beim nächsten Mal!

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