Reise nach Ventspils in Lettland

Am nächsten Morgen fuhren wir bei 19 Grad und herrlichem Sonnenschein weiter Richtung Norden. Zunächst über kleine Straßen an der Ostsee bis Palanga, dann auf der A 13 nach Lettland. Hier fielen sofort die schlechten Straßen mit unzähligen Schlaglöchern auf. Gleich hinter der litauischen Grenze auf lettischem Gebiet befinden sich im Pape See Nationalpark die Tarpan Wildpferde, welche 1882 ausgestorben waren und nun rückgezüchtet wurden. Der WWF wilderte dort ebenfalls Wisente und Aurochsen aus. Jedenfalls wollten wir unbedingt in diesen Nationalpark, um die Pferde zu sehen. Da nirgendwo etwas ausgeschildert war, fuhren wir in Höhe von Rucava nach Pape in Richtung Ostsee. Wenn man in Lettland von den Hauptstraßen abbiegt, befindet man sich gleich auf Schotter- oder Sandpisten. Ebenso die Straße nach Pape. Hier bekamen wir den ersten Kontakt mit unbefestigtem Untergrund. Es tat sich eine 6 km lange üble Schotterpiste nach Pape vor uns auf, die auch noch mit Wellblechrillen übersäat war. Mit einem vollbepackten Motorrad nicht unbedingt ein Vergnügen. Aber alle Mitfahrerinnen waren taff und fuhren mit ihren Mopeds mehr oder weniger schlingernd die Schotterpiste entlang. Wenn man eine Weile auf diesem Untergrund gefahren ist, wird man mit der Zeit mutiger und schneller, was meistens einen stabileren Fahrzustand zur Folge hat. Mitten in der wunderschönen Natur an einem kleinen Ausläufer des Pape Sees zwischen Schilf und Wald tat sich auf einmal ein riesiges Outdoorcafe auf, in dem Reaggaemusik gespielt wurde. Das war echt skuril und man hätte es an diesem Ort nicht erwartet. Mutter und Sohn betreiben das Cafè. Hier machten wir erstmal eine Pause und tranken auf einem Steg mit Blick auf den See einen Kaffee. Man sagte uns auf Englisch, hier sei ein Vogelschutzgebiet. Die Pferde seien auf der anderen Seite des Sees bei Kalniski.

Tarpan Wildpferde

Also fuhren wir den ganzen Weg wieder zurück bis zur Hauptstraße, um dann wieder auf eine Schotterpiste nach Kalniski abzubiegen. Inzwischen waren wir schon besser im Schotterfahren geübt, doch jetzt irrten wir dort durch die Gegend. Nirgendwo war ein Hinweis auf die Wildpferde zu finden, bis wir an einem Pistenabzweig endlich das lang ersehnte Schild „WWF Wildhorses“ sahen. Die Freude war riesig. Für den Eintrittspreis von 4 € pro Person gelangten wir mit einer Rangerin zu Fuß auf das Gelände. Bis auf 30 m durften wir uns den Tarpan Pferden nähern. Es sind mittelgroße, mausgraue Pferde mit einem schwarzen Ahlstrich, die sich alle zusammen mit ihren Fohlen in der Mitte der Weide versammelt hatten. Daneben standen riesige Aurochsen mit langen Hörnern. Wir beobachteten eine Weile die Pferde, machten Fotos und kehrten dann zu unseren Motorrädern zurück. Diese Pferde zu sehen, war ein sehr beeindruckendes Erlebnis.

Zurück auf der A 11 fuhren wir zu dem Dorf Jurmalciems an der Ostsee. Hier sollte es, laut Reiseführer, einen der feinsandigsten Strände in ganz Lettland geben. In dem Dorf wohnen nur sehr wenige Menschen. Eine Lokalität o.a. zum Einkehren gab es nicht. Mit unseren Motorrädern fuhren wir fast bis an den Strand. Das Licht war hell, der Strand menschenleer. Natur pur. Überhaupt hat mir Lettland sehr gut gefallen. Ein Land mit weiten Ausblicken, sehr liebenswürdigen Menschen und großartiger Natur. Lettland ist 64.580 km2 groß und hat nur 2 Mio Einwohner. 44% des Landes sind Wälder, es gibt 4 Nationalparks und diverse Naturparks sowie ein Biosphärenreservat.

Enduristen kommen in Lettland voll auf ihre Kosten. Viele der Schotterpisten, wenn sie keine tiefsandigen Abschnitte besitzen, sind aber auch mit Straßenmotorrädern gut befahrbar.

Liepaja

In Liepaja, einer Hafenstadt machten wir Rast, um in einem Lokal draußen eine Pizza zu essen. Es gesellte sich unaufgefordert ein junger Lette zu uns, der froh war, seine Deutschkenntnisse, die er bei seinem Aufenhalt in Nürnberg erworben hatte, anzubringen. Er sagte uns mehrmals und sehr eindringlich, er verstehe nicht wie wir in seiner Heimat Lettland eine Pizza essen können, wo die lettische Küche soviele leckere Spezialitäten zu bieten habe. Überhaupt sei die lettische Küche viel besser und abwechslungsreicher als die Deutsche. Hierbei nannte er Blinys (Pfannkuchen aus Buchweizenteig), Fisch, Fleischgerichte und Rote-Beete Suppe als Beispiele. Die Pizza war wirklich nicht das kulinarische Highlight, doch wir hatten Hunger und im Vorbeifahren nichts anderes zum Einkehren gefunden.

Unterkunft

Gegen Abend kamen wir in der Hafenstadt Ventspils an, die ca. 40.000 Einwohner hat. Dort hatten wir in einem Hinterhof eine große Ferienwohnung gebucht. Mit einem Gläschen Wodka ließen wir stilecht den Abend ausklingen.

Ventspils entdecken

In Ventspils (Windau) blieben wir für zwei Übernachtungen. Der nächste Tag war motorradfrei. Wir erkundeten zu Fuß die Stadt der Blumen und Springbrunnen. Ausländische Touristen gab es so gut wie keine. Im Hafen von Ventspils wird russisches Rohöl verschifft. Die Altbauten der Innenstand sind überwiegend renvoviert, teilweise sind die Häuser aber auch in total marodem Zustand. Überall standen große Kübel mit Blumen und vor allem Kuh-Skulpturen herum. Die Sache mit den Kühen ist ein 1999 in Chicago als „Cow Parade“ gestartetes öffentliches Kunstprojekt, das inzwischen größte weltweit.

Hierbei können sich Städte bewerben, die Kuh-Skulpuren werden dann von bekannten Künstlern gestaltet. Ventspils hat sich bisher als einzige Stadt sogar zweimal beworben. Dementsprechend sind viele dieser Kunst-Kühe in der ganzen Stadt verteilt (z.B. Reisekuh, Technikkuh, Volkskuh…).

Die Stadt und ihre Bewohner machten einen sehr freundlichen, entspannten Eindruck.

Wir besichtigen die Nikolaikirche, die 1835 im Auftrag von Zar Nikolaus I erbaut wurde.

Ferner eine russisch-orthodoxe Kirche mit goldfarbenen Zwiebeltürmchen russicher Art, die außen gerade restauriert wird. Ich war zuvor noch nie in einer russisch-orthodoxen Kirche. Sie war voller Prunk, Bilder und Ikonen, Goldfarben, großen Kerzenständern auf dem Boden, alles roch nach Weihrauch. Sie war sehr schön anzusehen.

Auf dem Marktplatz kauften wir an einem der Marktstände frische lose Erdbeeren. Die waren frisch vom Feld und schmeckten auch so. Auf dem Marktplatz befindet sich ein Glockenturm mit einer Uhr und Glockenspiel sowie mit alten Mess- und Gewichtseinheiten, die wir auch ansahen.

In der Burg des livländischen Ordens gingen wir noch ins Museum, das eine Ausstellung über die Historie der Burg, der Stadt und des Hafen beinhaltet. Von soviel Kultur ermattet, suchten wir nach einem Restaurant und fanden durch Zufall das „Skroderkrogs“ in einem alten Holzhaus. „Skroderkrogs“ bedeutet Nähmaschine. Im Inneren sind die Tische aus alten Singer-Nähmaschinen hergestellt. Es ist ein Restaurant/Cafè mit original lettischer Küche. Wir saßen draußen an einem mit Blumen bemalten Tisch und frischen Rosen darauf. Die Bedienung war äußerst freundlich. Die Speisen wurden liebevoll dekoriert gereicht. Dieses Restaurant ist sehr zu empfehlen. Auch die Nachspeisen, wie selbstgemachter Schokoladenkuchen, waren der Knaller. Hervorragendes Essen bei super Preis-/Leistungsverhältnis.

Nach dem Essen begab ich mich noch an den Strand von Ventspils, die anderen gingen wieder zurück durch die Innenstadt. Am Strand gibt es mehrere Spielplätze für die Kinder. Wenn man weiter wandert, begegnet man keinem Menschen mehr. Bernstein habe ich trotz intensiver Suche leider nicht gefunden. Da es an diesem Tag sehr windig war, verzichtete ich auf ein Bad in der Ostsee.

Ventspils ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

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Autorin und Bilder von Christine Wedemeyer

Jäneda, Estland
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